Ein Podcast über (fast) vergessene Geschichten | Weiden24

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Julia Gruber aus Teunz bringt mit ihren Podcast „ICH BIN DA” ältere Generationen ins Gespräch.  (Bild: Sebastian c. Hoffmann)
Julia Gruber aus Teunz bringt mit ihren Podcast „ICH BIN DA” ältere Generationen ins Gespräch. (Bild: Sebastian c. Hoffmann)
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Julia Gruber aus Teunz bringt mit ihren Podcast „ICH BIN DA” ältere Generationen ins Gespräch. (Bild: Sebastian c. Hoffmann)

Ein Podcast über (fast) vergessene Geschichten

Im Podcast „ICH BIN DA“ geht es um die Geschichten älterer Menschen und darum, was uns verloren geht, wenn wir nicht bewusst zuhören. Julia Gruber erklärt, warum wir uns wieder mehr Zeit füreinander nehmen sollten.

Julia Gruber: „ICH BIN DA” stellt bewusst ältere Menschen in den Mittelpunkt. Warum ist dir dieses Thema wichtig?

Das Thema begleitet mich eigentlich schon seit meiner Jugend. Mit 14 habe ich im Schultheater „Das Tagebuch der Anne Frank“ gespielt – da habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, was unsere deutsche Geschichte bedeutet und wie wichtig es ist, dass sie sich nicht wiederholt. Später im Konfirmandenunterricht, musste ich Zeit in einem Senio- renheim verbringen – mit Menschen, die kaum Besuch bekommen haben. Ich hatte selbst eine sehr enge Beziehung zu meiner Oma, sie war ein wichtiger Mensch in meinem Leben, und ich konnte nicht verstehen, warum andere so allein sind. Jeder ist wie ein Puzzleteil, und zusammen ergeben wir ein großes Ganzes – das ist für mich unsere Welt. Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, gehört zu werden. Daraus ist auch der Podcast entstanden.

Julia Gruber: Was bedeutet der Ausdruck „„ICH BIN DA” für dich?

„ICH“ steht für das Individuum. „BIN“ ist das, was uns Menschen ausmacht – also: Ich bin müde, ich bin Schreiner, ich bin gut drauf. Hinter „DA“ steckt eben auch die Existenz: Ich bin da. Ich bin auf dieser Erde und habe das Recht, hier zu sein. Gerade bei älteren Menschen kommt noch eine zweite Ebene dazu: Ich bin noch da. Ich existiere noch, ich gehöre noch dazu. Und gleichzeitig bedeutet es auch: Ich bin da und höre zu.

Julia Gruber: Welche Themen, Sorgen oder Gedanken begegnen dir immer wieder – und was sagt das deiner Meinung nach über unsere Gesellschaft aus?

Die Themen sind sehr unterschiedlich, je nach Lebensgeschichte. Was aber immer wieder mitschwingt, ist die Sorge vor Krieg – besonders bei Menschen, die ihn selbst erlebt haben. Viele hoffen, so etwas nie wieder mitmachen zu müssen. Ein weiteres Thema sind Lebensmodelle und Rollenbilder. Gerade Frauen erzählen oft, dass sie früher weniger Möglichkeiten hatten oder nicht selbstbestimmt arbeiten konnten. Trotz unterschiedlicher Antworten läuft es meist auf dieselbe Botschaft hinaus: Sei zufrieden und finde deinen inneren Frieden. Ich glaube, ein großes Problem ist, dass wir uns viel zu sehr auf andere konzentrieren. Man schaut, was andere haben, vergleicht sich ständig. Aber echte Zufriedenheit entsteht nur, wenn man bei sich selbst bleibt. Ich glaube, das ist etwas, das vor allem wir Jüngeren noch lernen können.

Julia Gruber: Gab es ein Gespräch oder einen Moment, der dich besonders berührt oder verändert hat?

Viele Gespräche wirken nach, vor allem die mit den Menschen in Einrichtungen. Danach gehe ich oft raus und bin unglaublich dankbar für mein eigenes Leben, dass ich meinen Partner habe, wenn ich abends nach Hause komme, dass ich weiß, ich kann mich unterhalten, meine Mama, mein Papa, die leben alle noch. Besonders beeindruckt hat mich zum Beispiel die Geschichte von Ernest, der als junger Metzgergesell nach Kanada auswanderte und dort völlig unerwartet ein neues Leben aufgebaut hat. Ernest ist mit 18 aus einem ländlichen bayerischen Dorf ins Ausland gezogen, um Holzfäller zu werden. Doch schon im Flugzeug nahm sein Leben eine unerwartete Wendung – am Ende wurde er preisgekrönter Damenfriseur und lebte 34 Jahre in Kanada. Und der hat so einen unglaublichen Spirit. Am Ende der Folge sagt er: „Hey, der Krieg ist jetzt da, aber hab keine Angst. Wenn du Angst hast, dann fokussierst du dich nur darauf. Genieß das Leben, sei jung, hab Spaß.“ Dann gibt es noch Gespräche mit Zeitzeugen und -zeuginnen, die Bombenangriffe schildern – das geht einem wirklich unter die Haut und macht Geschichte greifbar. So wie bei Mathilde. Sie war 99, als wir gesprochen haben. Sie war damals beruflich in Stuttgart und überlebte dort einen Bombenangriff. Voller Blut und Splitter, ohne Schuhe, bemerkte sie erst später, dass sie ihre Handtasche im chaos verloren hatte. Als sie zu dem Ort zurückkehrte, an dem die Fundstücke gesammelt wurden, lagen dort neben den Gegenständen auch etwa 20 Tote. Eine andere Gesprächspartnerin hat erzählt, wie sie sich als Kind frühmorgens beim Metzger anstellen musste, damit überhaupt ein bisschen Fleisch oder Wurst ins Haus kommt. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen: dass Kinder stundenlang warten müssen, bis ein Laden öffnet. Während sie dort stand, hörte sie immer wieder Geräusche – es hieß nur, es seien Tiere. Später hat sich herausgestellt, es waren Menschen, die nach Dachau deportiert wurden. Allein das zu hören, löst wieder Gänsehaut aus. Und man merkt, wie wichtig es ist, sich solche Ereignisse wirklich vor Augen zu führen. Es ist auch ein Stück Geschichte, das ich da aufzeichne.

Julia Gruber: Viele ältere Menschen haben das Gefühl, nicht mehr gesehen zu werden. wie erlebst du das – und was bedeutet zuhören für sie?

Sehr viel, also vor allem die Menschen, die in Einrichtungen leben, sagen, dass sie schon lange kein so tiefgründiges Gespräch mehr gehabt hätten. Es gibt welche, die eher weniger reden, aber andere könnten stundenlang erzählen. Für manche hat das fast etwas Therapeutisches – sie können Dinge erzählen, die sie lange beschäftigt haben. Man merkt richtig, wie gut es ihnen tut, einfach ernst genommen zu werden.

Julia Gruber: Warum funktioniert echter Austausch zwischen den Generationen oft nicht?

Ich glaube, das hat viel mit unterschiedlichen Lebensrealitäten zu tun. Jede Generation bringt andere Erfahrungen, Sorgen und Perspektiven mit – und das macht echten Austausch oft schwierig. Ich habe eine Zeit lang als Seniorenassistenz gearbeitet und oft Aussagen gehört wie: „Die Jungen, die machen nichts, die wollen nicht mehr arbeiten.“ Da habe ich immer wieder klar unterbrochen. Ich glaube, wir Jüngeren haben verstanden, dass Arbeit nicht alles und eine gesunde Work-Life-Balance wichtig ist – gleichzeitig arbeiten wir viel und können uns dennoch oft kein eigenes Haus leisten. Wir haben Krieg vor der Tür. Junge Männer wissen nicht, ob sie irgendwann eingezogen werden. Das sind Sachen, mit denen wir uns beschäftigen. Umgekehrt können auch Jüngere öfter auf ältere Menschen zugehen und nachfragen. Im Umgang mit Älteren braucht es Geduld, Zeit und echtes Interesse – Dinge, die im Alltag oft fehlen. Gerade für viele Jüngere ist das eine Herausforderung: Wir sind mit unzähligen Möglichkeiten, Erwartungen und einem hohen Mental Load konfrontiert. Umso wichtiger ist es, innezuhalten, hinzuhören und anderen ohne vorgefertigte Meinung zu begegnen.

Julia Gruber: Hat die Arbeit am Podcast deinen Blick aufs Älterwerden verändert?

Ja – sehr. Ich gehe bewusster mit meinem Leben um, rege mich weniger über Kleinigkeiten auf und denke mehr über die Zukunft nach. Zum Beispiel achte ich finanziell mehr darauf, für die Rente vorzusorgen. Gleichzeitig sieht man auch die Herausforderungen des Alters: Einsamkeit, Krankheit, der Verlust von Partnern. Das macht einem bewusst, was wirklich wichtig ist.

Julia Gruber: Was verliert eine Gesellschaft, wenn ältere Menschen zu wenig raum bekommen?

Wenn wir jetzt das Thema NS-Zeit noch mal aufgreifen, dann ist das schon eine Entwicklung in Deutschland, die ich nicht erwartet hätte. Als ich jung war, dachte ich, Menschen hätten aus der Zeit gelernt. Aber viele wissen anscheinend nicht, was es bedeutet, in den Krieg zu ziehen, unter Verlust oder Existenzangst zu leiden oder seinen ganzen Besitz zu verlieren. Ich glaube, es geht auch ganz viel um Aufklärung und darum, ein Stück Geschichte weiterzugeben. Denn ohne ältere Stimmen fehlt etwas Entscheidendes: Verständnis. Die Erfahrungen der älteren Generation helfen uns, das zu begreifen – und daraus zu lernen. Deshalb ist es so wichtig, zuzuhören und in den Dialog zu gehen. Wir können so viel voneinander lernen – egal ob im direkten Gespräch oder über Formate wie den Podcast. Und vielleicht bedeutet das auch, im Alltag öfter mal bewusst das Handy wegzulegen. Viele ältere Menschen beobachten das schon seit Langem: Wir Jungen schauen ständig aufs Display. Es würde schon helfen, das Smartphone zum Beispiel auf dem Geburtstag der Oma wegzulegen und einfach dem Gegenüber wirklich zuzuhören.

Julia Gruber: Gab es Momente des Zweifelns – und Momente der Bestätigung?

Ja, definitiv. Vor allem meine gleichnamige Wanderausstellung zum Podcast für die Premiere im Kino in München war finanziell und organisatorisch eine große Herausforderung. Vieles musste ich selbst stemmen, weil es gar nicht so leicht ist, Unterstützung zu finden. Das war teilweise belastend, gleichzeitig aber auch unglaublich lehrreich. Heute weiß ich: Es lohnt sich. Gerade durch die Ausstellung entsteht echte Begegnung – und genau darum geht es mir. Die Geschichten der Seniorinnen und Senioren sichtbar zu machen und ihnen Raum zu geben. Jeder Lebensweg ist erzählenswert, auch wenn er auf den ersten Blick ganz „normal“ erscheint. Natürlich freue ich mich weiterhin über Unterstützung und Kooperationen – damit das Projekt noch mehr Menschen erreicht.

Julia Gruber: Welche zentrale Erkenntnis möchtest du jüngeren Generationen mitgeben?

Tretet in den Dialog. Nehmt euch Zeit zuzuhören. Viele Gespräche sind heute oberflächlich – dabei geht es darum, wirklich hinzuhören und dem anderen Raum zu geben, damit er seine Geschichte erzählen kann. Im Gegenzug ist es aber auch schön, wenn man selbst Gehör findet.

Julia Gruber: Was wünschst du dir langfristig für „ICH BIN DA”?

Dass man Menschen in die Augen schaut und sagt: „Erzähl mal deine Geschichte.“ Mit meiner Wanderausstellung „ICH BIN DA – Senior*innen erzählen aus ihrem Leben“ wünsche ich mir vor allem, dass die Sichtbarkeit der Generation 60+ größer wird. Damit mache ich die Geschichten aus meinem Podcast audiovisuell und interaktiv erlebbar – und schaffe Raum für generationenübergreifenden Austausch. Man kann das Material flexibel buchen und nutzen. Darüber hinaus gebe ich Einblicke in die Entstehungsgeschichte dieser besonderen Interview-Reihe und lade mit einer Mitmach-Tafel die Besucher dazu ein, ihre eigenen Gedanken und Geschichten zu teilen. Auf Wunsch bin ich gern auch persönlich vor Ort und kann für ein Einführungsgespräch, eine Podiumsdiskussion oder einen Senioren-Nachmittag angefragt werden. Im September bin ich im Rahmen der Demenzwoche im Landratsamt Amberg-Sulzbach – ich freue mich sehr, damit präsenter in meiner Heimat zu sein und auch dort Geschichten zu sammeln.

LEO Shorties

  • Beschreibe deine Arbeit in drei Worten: Lebendig. Herzlich. Wertvoll.
  • Wichtigste Life Lesson(s): - Genieße das Leben und sei im Moment.
    - Nimm dir Zeit – und schenke auch mal anderen Menschen Zeit und vor allem Gehör.
  • Was sollten wir uns öfter vor Augen führen? Jeder Mensch hat seine eigene, individuelle Lebensgeschichte, die es wert ist, gehört, festgehalten und gewürdigt zu werden.
 
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