Metal, EDM, Pop and the list goes on: Electric Callboy sprengen mit ihrem neuen Album „Tanzneid“ Grenzen. Wie die Band es geschafft hat, Tausende Fans zu begeistern.
Die Erfolgsgeschichte einer der unkonventionellsten Vertreter der Metal-Szene beginnt von allen Orten dieser Welt ausgerechnet in Castrop-Rauxel. Die Ruhrpott-Stadt, die sonst für Witze des Influencers Levi Penell herhalten muss, ist Heimat und Wirkungsstätte der Band Electric Callboy, die jetzt das Album „Tanzneid“ (Veröffentlichung 7. August) herausbringt.
Die Gruppe um das Front-Duo Kevin Ratajczak und Nico Sallach ist bekannt für ihren Mix aus Metal und allem, was die Musikindustrie sonst noch so hergibt. Konzerte spielen sie auf der ganzen Welt - in Castrop-Rauxel allerdings noch nicht. Warum, wissen sie selbst nicht so genau.
Gängige Regeln des Genres existieren für Electric Callboy nicht. Mit Elektrobeats, Techno-Bässen oder 2000er-Popklängen werden in ihren Songs Grenzen gesprengt und Experimente gewagt. Der Stilbruch ist ihr Markenzeichen. Auch auf ihrem neuen Album „Tanzneid“ zeigen Electric Callboy mal wieder, wie harte Gitarrenriffs und aggressive Screams mit Ohrwurm-Melodien zusammenpassen können.
Dass die Band Musik macht, die in mehr als eine Schublade passt, war eher eine Entwicklung als eine bewusste Entscheidung. „Es war schon immer so, dass Electric Callboy ein Paradiesvogel war“, sagt Nico.
2010 gründete sich die Gruppe - damals noch unter anderem Namen und mit anderer Front-Besetzung. Alle in der Band mochten unterschiedliche Musik, da war „Schrei-Mucke“ der gemeinsame Nenner, erzählt Kevin.
In seiner Anfangszeit klang Electric Callboy noch etwas chaotischer, wilder und ja, auch metal-lastiger. Trotzdem gab es damals schon das Problem mit der Zugehörigkeit: Die Metal-Szene fand sie zu lasch, zu bunt und zu „Was soll das eigentlich?“.
Für den Mainstream waren sie wiederum zu hart. „Die Leute wollen immer in Kasten denken. Wir waren immer frei und haben das gemacht, worauf wir Bock hatten“, sagt Kevin. Früher waren diese Grenzen noch radikaler, heute gibt ihnen der Erfolg recht. Millionen Streams, Auftritte auf jedem namhaften Festival und eine anstehende Welttournee zeigen, Electric Callboy haben sich ihre Schublade einfach selbst gebaut.
Auf dem Album „Tanzneid“ streift Electric Callboy nahezu die ganze Bandbreite an Musikgenres. Das Spektrum reicht vom düsteren, melancholischen Klang von „Revery“ bis hin zum cheesy kitschigem „The Way You Are“ im Backstreet-Boys-Style, bei dem man sich bis zur Hälfte des Songs wirklich fragt, wie da noch ein Metal-Teil kommen kann. Mit „Let The Good Times Roll“ macht Electric Callboy außerdem einen Ausflug in den Punkrock - zusammen mit der US-Kultband The Offspring.
Viele Songs folgen demselben Schema: Abwechselnd Scream-Passagen und Pop-Parts mit locker humorvollen Lyrics über Party und gute Zeiten. Hört sich simpel an, ist es aber nicht: „Die klingt nicht anspruchsvoll - die soll ja Spaß machen und eingängig sein - aber die einfachsten Songs sind meistens super schwer zu kreieren“, sagt Kevin.
Von Schlager bis Ski Aggu: Um ihre Hits zu schreiben, holen sich Electric Callboy ihre Inspiration von so ziemlich überall her. „Wir inspirieren uns nicht an dem Genre, in dem wir uns zu Hause fühlen“, betont Nico. Selbst wenn sie nicht alles gerne privat hören. Was läuft gerade popkulturell? Warum funktioniert das? Je abstruser das Crossover, desto besser.
Dabei kann natürlich nicht jedes Genre ihr Steckenpferd sein. Sie bestreiten quasi den modernen Fünfkampf der Musikbranche: Denn Künstler, die sich nur auf eine Musikrichtung spezialisieren, haben mitunter mehr oder bessere Tricks für ihr Genre auf Lager.
Manchmal fallen ihnen Song-Ideen auch direkt vor die Füße. Ein Wort, das sie einfach „total geil“ finden und der Rest schreibt sich wie von selbst.
Genauso war es auch bei dem titelgebenden Song des Albums: „Boah, da kriegt man ja richtig Tanzneid“, soll der Schauspieler Uke Bosse beim Musikvideodreh zu „Elevator Operator“ gesagt haben. Gegenüber waren die Menschen für einen Take am Tanzen - Uke, Kevin und Nico hatten Drehpause und waren neidisch auf die gute Stimmung.
Ganz sicher vor den Einflüssen der Künstlichen Intelligenz auf die Musikbranche fühlt sich Electric Callboy trotz individuellem Sound und Band-Attitüde aber nicht. Die KI lerne schnell, der Weg von CDs zu Streaming sei kurz gewesen und die Welt werde immer unpersönlicher, meint Kevin. Wenn das so weitergehe, brauche es bald keine echten Künstler mehr auf der Bühne.
Die Musik von Electric Callboy wird am Schreibtisch produziert - gemacht ist sie aber für Live-Shows. „Ich glaube, was die KI nicht erzeugen kann, ist das, was wir sind, wie wir sind, wer wir sind“, sagt Nico. Die Identifizierung und das Unerwartete kann ihnen erst einmal keiner nehmen. Bis die KI so um die Ecke denken kann wie Electric Callboy, dauert es wohl noch eine Weile. Bis dahin gab es vielleicht auch ein Konzert in Castrop-Rauxel.
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