„Gedenken neu denken“: Lesung von @keine.erinnerungskultur in der Sünde | Weiden24

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Susanne Siegert bei der Lesung in der Sünde.  (Bild: mcl)
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Susanne Siegert bei der Lesung in der Sünde. (Bild: mcl)

„Gedenken neu denken“: Lesung von @keine.erinnerungskultur in der Sünde

Susanne Siegert, bekannt als @keine.erinnerungskultur auf TikTok und Instagram, hat in Weiden ihr Buch über eine moderne Erinnerungskultur vorgestellt.

Susanne Siegert kennt man sonst eher aus Social Media als @keine.erinnerungskultur. Dort erreicht sie mittlerweile Hunderttausende – über 233.000 auf TikTok und mehr als 207.000 auf Instagram – mit Videos über die NS-Geschichte, den Holocaust und die Erinnerungskultur.

In der „Sünde“ in Weiden stellte die Journalistin vor Kurzem ihr Buch „Gedenken neu denken – Wie sich das Erinnern an den Holocaust verändern muss“ vor. Es war keine trockene Geschichtsstunde, sondern ein Gespräch darüber, wie heute über die Vergangenheit gesprochen wird.

Selbst recherchieren

Sie wollte verstehen, was damals passiert ist – aber nicht irgendwie, sondern mit historischen Quellen und Fakten. Aus diesem „Ich will das selbst verstehen“ wurde dann irgendwann Content, der plötzlich viele andere erreichte. Ein Beispiel dafür: ein Video von ihr über das Bundesarchiv. Darin erklärte sie, wie jede*r selbst zur NS-Vergangenheit von Angehörigen recherchieren kann.

Die Resonanz war so groß, dass das Bundesarchiv reagierte: „Sie hatten kurz Angst, dass es eine Spamattacke war, weil sie so viele Anfragen bekommen haben“, erzählte Susanne Siegert bei der Lesung. „Mir hat das gezeigt: Leute wollten wirklich recherchieren. Nicht nur scrollen, sondern selbst nachschauen.“

Vielfältige Erinnerungskultur

Genau diese Verbindung aus digitalem Raum und der Auseinandersetzung vor Ort war auch Thema in Weiden. Susanne Siegert spricht in ihrem Buch darüber, wie Erinnerungskultur heute aussehen kann – weniger wie ein festes Ritual, mehr wie etwas, das sich weiterentwickelt.

Stattdessen fordert sie eine vielfältige Erinnerungskultur, die neue Perspektiven zulässt – auch auf weniger bekannte NS-Verbrechen, vergessene Orte und bisher kaum beachtete Opfergruppen. Dies ist besonders wichtig, da Zeitzeug*innen fast nicht mehr da sind. Und ja: Es geht auch um Verantwortung. Nicht um die Schuld der Nachfahr*innen, sondern um Verantwortung im Heute.

Sie zeigt auch Stimmen von Holocaust-Überlebenden, die nicht versöhnlich waren, sondern wütend geblieben sind – und genau deshalb oft weniger Gehör fanden. Ein wichtiger Punkt ihrer Arbeit: Es gab nicht nur Täter*innen und Opfer, sondern auch Handlungsspielräume. Sie spricht über sogenannte „Alltagssolidarität“ – Menschen, die geholfen haben, obwohl sie nicht mussten.

Zwischen digital und analog

Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, betont, dass Erinnerungskultur längst nicht nur in analogen Räumen wie Gedenkstätten funktioniert. Susanne Siegert sei ein Beispiel dafür, wie sich diese beiden Welten verbinden lassen. Während Orte wie Flossenbürg weiterhin zentrale physische Erinnerungsräume bleiben, entstehen neue Zugänge auch auf Plattformen wie TikTok.

Er sieht darin keine Konkurrenz, sondern eine gemeinsame Herausforderung: Die Fragen an die Geschichte bleiben bestehen. „Die Gesellschaft verändert sich und mit ihr die Fragen an eine solche Gedenkstätte“, erklärt er bei der Lesung in Weiden. Deshalb brauche es neue Formen, neue Stimmen und Menschen wie Susanne Siegert.

 
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