Gemüse direkt vom Feld: Solidarische Landwirtschaft in der Oberpfalz | Weiden24

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Simon Rauch bei der Arbeit im Gewächshaus auf seinem Biohof. (Bild: Lea Zirkelbach)
Simon Rauch bei der Arbeit im Gewächshaus auf seinem Biohof. (Bild: Lea Zirkelbach)
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Simon Rauch bei der Arbeit im Gewächshaus auf seinem Biohof. (Bild: Lea Zirkelbach)

Gemüse direkt vom Feld: Solidarische Landwirtschaft in der Oberpfalz

Simon Rauch betreibt in Krummennaab eine solidarische Landwirtschaft. Er trägt Verantwortung für Aussaat, Bewirtschaftung, Risiko – und dafür, dass rund 120 Mitglieder regelmäßig ihren Anteil an der Ernte bekommen.

Der Boden ist noch weich vom Regen der vergangenen Tage. Ein kühler Vormittag Mitte April, grauer Himmel. Hier, „in der Stockau“ in Krummennaab, betreibt Simon Rauch seinen Biohof. Vieles auf dem Gelände wirkt karg, fast leer. Auf den ersten Blick scheint hier nicht viel zu passieren. Auch schwere Maschinen sucht man vergeblich. Stattdessen stehen überall selbst gebaute Lösungen – durchdacht, funktional, manchmal improvisiert. Ein kleines Kühlhaus mit Wänden aus Stroh und Lehm, dazu Schaufeln, Rechen und Harken. Werkzeuge, die täglich im Einsatz sind. In der Garage steht ein einzelner Bulldog. Mehr braucht es hier nicht, denn ein Großteil der Arbeit geschieht von Hand. Erde wird verteilt, Felder neu gezogen. Es wird gesät, geharkt, geerntet – Reihe für Reihe, Tag für Tag.

Im Gegensatz zu den Feldern draußen zeigt sich in den Gewächshäusern ein anderes Bild. Während draußen noch vieles verhalten wirkt, sprießt hier bereits einiges. Spinat gedeiht in dichten Reihen, Radieschen liegen unter einer weißen Abdeckung, die sie vor Fliegen schützt. Die asiatische Rauke leuchtet violett, der Blattsalat schimmert in sattem Grün. Gleichzeitig ist es ruhiger als draußen. Nur der Wind raschelt in den Folien, aus der Werkstatt nebenan dringt dumpf ein Radio herüber. „Ich höre wirklich alles – von Klassik bis Reggae“, sagt Simon und grinst. Er grinst oft, spricht schnell, kommt leicht ins Erzählen und bleibt dabei immer zugewandt. Er ist jemand, der sich schnell für Neues begeistern kann und selten aus der Fassung gerät. „Wenn es regnet, arbeite ich im Gewächshaus. Wenn die Sonne scheint, arbeite ich auf dem Feld.“ Dann wird er kurz ernster. „Viele wissen gar nicht mehr, was momentan Saison hat“, sagt Simon. Auf seinem Hof ist das kaum zu übersehen. „Wir dürfen da nicht abheben. Ein bisschen mehr Bezug zu dem, was wir essen – das würde uns allen guttun.“

Vom Schreiner zum Bio-Gärtner – ein Landwirt auf Umwegen

Simon Rauch steht mitten im Gewächshaus, in grüner Latzhose und abgenutzten Arbeitsschuhen. Er ist kein typischer Landwirt. Ursprünglich hat er eine Schreinerlehre gemacht, ist handwerklicher Tausendsassa. Bio-Bauer ist er eher zufällig geworden. Heute betreibt er hier gemeinsam mit einer Teilzeitkraft und seiner Frau eine solidarische Landwirtschaft mit rund 120 Mitgliedern – und man merkt schnell, wie sehr er seine Arbeit liebt. Seine Hände sind groß, schmutzig, gezeichnet von der Arbeit, aber präzise in jeder Bewegung. Vor ihm liegen Anzuchtmatten. „Im Frühling wird der Grundstein fürs ganze Jahr gelegt.“ Simon greift nach den kleinen Samen und verteilt sie gleichmäßig in die vorbereiteten Vertiefungen. Ein kurzer Druck, dann die nächste Reihe. Es sind einfache Handgriffe, aber sie entscheiden darüber, ob hier in ein paar Wochen etwas wächst und wie gut der Hof durch die Saison kommt.

Gemeinsam wirtschaften – solidarisch und ökologisch

Alles, was hier produziert wird, landet nicht anonym im Handel, denn der Hof funktioniert nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft, kurz: SoLawi. Getragen wird sie von den Menschen, die später auch ernten, was hier wächst – ganz ohne Zwischenhändler, Supermarkt oder Discounter. Die rund 120 Mitglieder zahlen einen festen monatlichen Beitrag und decken damit die Kosten für Saatgut, Maschinen und Arbeit. Im Gegenzug erhalten sie die Ernte direkt vom Feld. „Im Prinzip ist es eine Gemüse-Abo-Kiste“, sagt Simon. „Nur, dass wir alles selbst produzieren.“ Für ihn bedeutet das: weniger Abhängigkeit vom Markt. Er muss nicht darauf achten, welche Preise sich gerade erzielen lassen, sondern kann gemeinsam mit den Mitgliedern planen. Für die heißt das: Gemüse aus regionalem Bio-Anbau und ein Stück Mitverantwortung.

Auf Simons Hof gibt es keinen starren Anbauplan. Die Saison und das Wetter geben vor, was geerntet werden kann – nicht die Nachfrage. Für die Mitglieder heißt das, dass sie auch in der Küche etwas flexibler sein müssen. Gerade im Frühjahr wird es manchmal etwas knapper. Das eingelagerte Gemüse geht langsam zur Neige, während draußen erst wieder Neues heranwächst. Und die eigentliche Erntezeit beginnt erst im Sommer. Von Juni bis September füllen sich die Kisten wieder: Gurken, Tomaten – und 2026 vielleicht sogar Melonen und Ingwer. In dieser Zeit kommen auch die Mitglieder häufiger auf den Hof. Viele helfen beim Ernten mit, packen an, wo Arbeit anfällt, stehen selbst auf dem Feld. „Bei uns ist alles dabei – von der Hausfrau bis zum Arzt, von jung bis alt.“ Was sie verbindet, ist ein bewusstes Verhältnis zu dem, was sie essen und wo es herkommt.

Verantwortung, Risiko und die Launen der Natur

Trotz des solidarischen Systems hängt am Ende vieles an ihm. „Wenn ich krank bin, muss die Arbeit trotzdem gemacht werden“, sagt Simon. Der Betrieb läuft weiter – unabhängig davon, ob jemand ausfällt. Die SoLawi kann einiges abfangen: schwankende Preise, Unsicherheiten am Markt, schlechte Ernten – aber eben nicht alles. Das persönliche Risiko bleibt, vor allem das körperliche. Beim Tomatenernten arbeitet er tagelang gebückt. Er macht die Bewegung vor, geht leicht in die Knie, krümmt den Rücken. „Das geht irgendwann richtig rein.“ Nach der letzten Ernte habe er sich drei Wochen kaum bewegen können.

Der Frühling ist für die Landwirtschaft eine heikle Phase. Einmal Frost, eine defekte Heizung in der Nacht und eine komplette Aussaat ist verloren. Dann muss neu begonnen werden. Oft unter Zeitdruck und mit zusätzlichem Aufwand, weil etwa Saatgut nachgekauft werden muss. Am Ende bleibt die Frage, ob man noch rechtzeitig dran ist. Die Folgen solcher Ausfälle können sich bis in den Herbst ziehen. Dazu kommen Schädlinge: Mäuse, Fliegen, Schnecken. „Nicht die großen Tiere machen den größten Schaden, sondern die kleinen“, sagt Simon. Manches lässt sich kontrollieren, anderes nicht. „Man wird immer wieder von der Natur überrascht. Und manchmal ist im Salat auch eine Schnecke drin, oder die rote Beete wurde von einer Maus angeknabbert. Alles natürlich eben.“ Simon lacht kurz und arbeitet weiter.

Die Belastungsprobe – wenn alles zu viel wird

Aber auch für einen unerschütterlichen Menschen wie Simon gab es einen Moment, da wäre alles fast zu viel geworden. Kurz nach eins nachts, in der Garage. Er steht zwischen Kisten und packt Gemüse. Seine Frau liegt in den Wehen. Weg kann er aber nicht, die Kisten müssen fertig werden – am nächsten Morgen holen die Mitglieder ihre Ernte ab. Tagsüber hat er aufgebaut, was heute steht: Gewächshäuser, Felder, Strukturen. Er hat gepflanzt, geerntet, geharkt, den Betrieb am Laufen gehalten. Vieles lief in dieser Zeit parallel, oft ohne klare finanzielle Sicherheit. Simon beginnt zu zweifeln. „Da habe ich mich schon gefragt, warum ich das eigentlich mache. Am Anfang war das eine enorme Belastung.“

Der Hof läuft weiter und lange kann Simon nicht darüber nachdenken. Er muss eine Lösung finden. Also stellt er eine Teilzeitkraft ein, die ihn auf dem Hof unterstützen soll. „Wirklich unfassbar, was uns das für eine neue Flexibilität gegeben hat. Ich bin meiner Mitarbeiterin sehr dankbar. Ab da hat sich das Blatt gewendet.“ Seitdem verteilt sich die Arbeit anders und der Druck wird etwas weniger.

Zwischen Erde und Excel – Landwirtschaft heute

In der Werkstatt steht ein alter Laptop, das Gehäuse ist staubig, die Tastatur schmutzig, der Bildschirm matt. Schon beim Betreten sticht er ins Auge. Er wirkt fehl am Platz, zwischen Werkzeug, Paletten und Kisten. Simon klappt ihn auf und eine Excel-Liste erscheint: Gemüsesorten, geerntete Mengen, benötigtes Saatgut, wer wann was bekommt. Vieles auf dem Hof passiert draußen, mit den Händen in der Erde. Auf dem Bildschirm allerdings dreht sich alles um Listen, Zahlen, Nachweise, Zertifikate. „Vom Roboter bis zur Handarbeit ist heute alles möglich. Aber am Ende musst du schauen, was für dich funktioniert“, sagt Simon. „Viele denken, ein Bulldog auf dem Feld sei normal. Dabei wird in vielen Regionen dieser Welt noch mit Ochsen gepflügt.“ Und während andernorts mit einfachsten Mitteln gearbeitet wird, wächst hier der Aufwand. Förderanträge, Nachweise, Dokumentationen – vieles davon gehört inzwischen genauso zum Alltag wie die Feldarbeit. „Das Papier ist geduldig“.

Draußen bahnt sich die Sonne langsam ihren Weg durch die graue Wolkendecke. Man spürt eine angenehme Wärme. Jetzt, Mitte April, beginnt die Phase, in der alles ineinandergreift. Erste Ernten, Aussaat, Pflege, Vorbereitung der Felder – und immer wieder der Blick darauf, ob alles gedeiht.

Simon holt kurz sein Handy aus der Tasche. Voller Stolz zeigt er ein Foto: seinen Lieferwagen, exakt nachgebaut für die Modelleisenbahn. „Den hab‘ ich selbst gemacht“, sagt er und grinst. Dann steckt er das Handy wieder ein, schnappt sich seine Harke und stapft hinaus aufs Feld. Die nächsten Beete müssen vorbereitet werden.

Es gibt noch genug zu tun.

Saisonkalender

  • Frühling (März–Mai)
    Aussaat und erste Ernte
    Radieschen, Spinat, Rucola, Salat, Kohlrabi
  • Sommer (Juni-August)
    Hauptsaison
    Tomate, Gurke, Zucchini, Bohne, Karotte, Erdbeere, Kirsche, Beeren
  • Herbst (September-November)
    Ernte und Einlagern
    Kürbis, Kohl, Kartoffel, Rote Beete, Lauch, Apfel, Birne, Zwetschge
  • Winter (Dezember-Februar)
    Lager und robustes Gemüse
    Grünkohl, Rosenkohl, Feldsalat

 
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